Quereinsteiger*innen einstellen: So planen Sie nicht an der eigenen Entlastung vorbei

Für Träger und Anleitende: Ein Quereinstieg füllt eine Stelle, aber er löst den Personalmangel nicht einfach auf. Was er tatsächlich bewirkt und was er von Ihrer Einrichtung verlangt, zeigt ein Blick in die Forschung.

Die Rechnung, die nicht aufgeht

Die Rechnung wirkt zunächst einfach: Eine Stelle ist unbesetzt, eine Person mit passender Motivation ist gefunden, ein Nachqualifizierungsweg ist organisiert: Problem gelöst. Diese Rechnung geht in der Praxis so nicht auf. Ein Quereinstieg verschiebt einen Teil des Problems, statt es zu beseitigen. Und wer diesen Unterschied nicht kennt, plant an der eigenen Entlastung vorbei.

Was die Forschung zeigt: keine großflächige Entlastung

Ein aktuelles Dossier des Forschungsverbunds Deutsches Jugendinstitut / Technische Universität Dortmund zieht dazu eine nüchterne Bilanz. Im Lichte der Öffnung der Fachkräftelisten und Personalverordnungen könne, so die Autor*innen, „nicht mit einer großflächigen Entlastung durch Quereinstiege durch Weiterqualifizierung gerechnet werden, wenngleich für einzelne Einrichtungen jeder einzelne Quereinstieg einen Gewinn darstellen kann" (Angenendt u. a. 2025: 86).

Diese Formulierung lohnt eine zweite Lesart. Sie widerspricht sich nicht: Für Ihre Einrichtung kann eine einzelne quereinsteigende Person ein echter Gewinn sein. Aber die Erwartung, dass sich der Fachkräftemangel als Ganzes durch mehr Quereinstiege auflösen lässt, trägt empirisch nicht. Beide Aussagen gelten gleichzeitig, und genau das ist der Punkt: Der Nutzen eines Quereinstiegs ist real, aber er ist kein Automatismus. Er muss erarbeitet werden.

Der Grund: Anleitung wächst nicht von selbst mit

Der wichtigste Grund dafür liegt in einer strukturellen Verschiebung, die selten mitgedacht wird. Mit jeder Person, die neu ins Feld kommt, ob in Ausbildung beziehungsweise Berufsanerkennungs(halb)jahr oder über einen Quereinstieg, steigt der Bedarf an fachlicher Anleitung. Die Zahl der Fachkräfte, die diese Anleitung leisten können, wächst dabei nicht automatisch mit: Personen, die selbst noch in Ausbildung sind, können in aller Regel nicht zugleich andere anleiten, obwohl auch sie anfänglich Begleitung brauchen (vgl. Angenendt u. a. 2025: 41).

Das Ergebnis ist ein Verhältnis, das sich in angespannten Teams eher verschärft als entspannt: Mehr Personal in Qualifizierung bedeutet mehr Anleitungsbedarf, ohne dass automatisch mehr Anleitungskapazität entsteht. Hinzu kommt ein zweiter Aufwand, der leicht übersehen wird: Bereits qualifizierte Fachkräfte müssen ihre eigenen Aufgabenprofile anpassen, um den erhöhten Einarbeitungs- und Koordinationsbedarf bei Quereinsteigenden zu tragen. Das braucht einen fachlichen Rahmen, Schulung der Anleitenden selbst und vor allem Zeit (vgl. Angenendt u. a. 2025: 85) – mehr dazu im Artikel „Was Anleitung kostet".

Der zweite Grund: Wer baut die berufliche Identität auf?

Eine zweite Verschiebung betrifft nicht die Zeit, sondern die Aufgabe selbst. In der klassischen Ausbildung ist die Auseinandersetzung mit Widersprüchen zwischen Alltagswissen und fachlichem Wissen, der Ort, an dem sich berufliche Identität entwickelt, zumindest der Idee nach an der Hochschule oder Fachschule angesiedelt. Bei Quereinsteigenden verlagert sich diese Aufgabe: Die Identifikationsarbeit mit dem Beruf verschiebt sich zunehmend von den Bildungseinrichtungen auf die Arbeitgeber und auf die Anbieter von Weiterbildung (vgl. Weck 2025: 322).

Das ist keine Randnotiz. Es bedeutet, dass eine Aufgabe, die früher institutionell woanders lag, jetzt bei Ihnen liegt, ohne dass automatisch die dafür nötige Zeit oder Qualifikation mitgeliefert wird. Bleibt diese Aufgabe unbearbeitet, ist die Konsequenz nicht neutral: Im ungünstigsten Fall sind Quereinsteigende auf sich selbst und ihre eigenen biografischen Ressourcen gestellt, und die fachlich notwendige Bearbeitung von Krisen im Qualifizierungsprozess unterbleibt (vgl. Weck 2025: 322 f.).

Was daraus folgt

Ein Quereinstieg ist deshalb kein abgekürzter Weg zur vollständigen Fachkraft, sondern ein anderer Weg mit einer anderen Verteilung von Aufwand. Was in der klassischen Ausbildung über Jahre und über mehrere Institutionen verteilt geschieht, verdichtet sich beim Quereinstieg auf Ihre Einrichtung und auf einen kürzeren Zeitraum. Für Ihre Planung heißt das konkret: Rechnen Sie den Aufwand für Anleitung und Identifikationsarbeit von Anfang an ein, nicht als Kür, sondern als Teil der Kalkulation, mit der ein Quereinstieg überhaupt erst zum Gewinn wird, den die Forschung für den Einzelfall bestätigt.

Zum Nachlesen

Rechtliche Grundlagen

Dieser Artikel stützt sich in erster Linie auf empirische Befunde, nicht auf Rechtsnormen. Den rechtlichen Rahmen, warum Qualifikation in der Kinder- und Jugendhilfe überhaupt reguliert ist, bildet das Fachkräftegebot:

Verwendete Quellen

  • Angenendt, Pia / Gossen, Jakob / Schayani, Nikolai (2025): Quereinstiege in der Kinder- und Jugendhilfe. Zugangswege und ihre Potenziale in Nordrhein-Westfalen. Dossier Nr. 4. Hrsg. von der Autor:innengruppe Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut / Technische Universität Dortmund. Dortmund.
  • Weck, Niels (2025): Quereinsteiger*innen in der Sozialen Arbeit. Weinheim / Basel: Beltz Juventa.
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