In unseren Interviews mit Fachkräften aus der Kinder- und Jugendhilfe ist uns ein Muster aufgefallen, das wir so nicht erwartet hatten: Der entscheidende Impuls für eine Qualifizierung kommt selten aus der Person selbst. Er kommt vom Arbeitgeber. Nicht als Programm, nicht als Konzept, sondern als Frage im Arbeitsalltag.
Eine Frage, zwei Abschlüsse
Eine Interviewpartnerin arbeitete als Hauswirtschaftskraft in einer Einrichtung, als ihr Arbeitgeber sie ansprach: „Da hatte mein Arbeitgeber eine gute Idee und sagt: Willst du nicht mehr machen?"
Aus dieser einen Frage wurde eine Ausbildung. Im ersten Schritt qualifizierte sie sich zur Sozialpädagogischen Assistentin, in der verkürzten einjährigen Form für Quereinsteigende mit einschlägiger Berufserfahrung. Für sie war das die Eintrittskarte in die Kinder- und Jugendhilfe. Nach diesem Jahr waren die Rahmenbedingungen so organisiert, dass sie unmittelbar weitermachen konnte: Sie führte die berufsbegleitende Ausbildung zur Erzieherin in Teilzeit fort.
Derselbe Mechanismus wirkt auch auf höheren Qualifikationsstufen. Eine andere Interviewpartnerin war bereits als Leitung tätig, als ihr Chef sie auf ein berufsbegleitendes Studium hinwies. Ihre erste Reaktion war Zögern, ob das Alter passe, ob sie noch einmal zur Schule wolle, ob es in ihr Leben passe. Sie hat lange nachgedacht, sich dann entschieden und steht heute ein Jahr vor dem Abschluss. Beide Wege hätte es ohne die Ansprache nicht gegeben.
Der zweite Schritt kostet Sie weniger als der erste
Der organisatorische Aufwand berufsbegleitender Qualifizierung fällt vor allem beim ersten Mal an. Wie Berufsschul- oder Studientage in die Dienstplanung passen, wie Schichten getauscht werden, wie das Team Abwesenheiten auffängt: Das ist einmal zu klären und steht Ihnen danach als Wissen zur Verfügung. Auch für die Mitarbeitenden selbst gilt das: Ist einmal geklärt, wie Lernzeiten, Arbeitszeiten und private Verpflichtungen zusammenpassen, trägt diese Klärung in den nächsten Abschnitt (siehe auch „Mit welchen Maßnahmen gelingt Vereinbarkeit?").
Praktisch heißt das: Wer einmal eine Sozialpädagogische Assistentin durch die Ausbildung begleitet hat, kann den Anschluss zur Erzieherin mit deutlich weniger Aufwand ermöglichen, und den Weg auch weiteren Mitarbeitenden öffnen. Der Aufwand pro Person sinkt mit jeder Wiederholung.
Sie entscheiden mit, wer sich entwickelt
Wenn der Impuls von außen so entscheidend ist, wie unsere Interviews nahelegen, hat das eine Konsequenz, die über Personalgewinnung hinausgeht: Ihre Ansprache entscheidet mit darüber, wer eine Laufbahn einschlägt, und wer übersehen wird. In einem unserer Interviews wurde das zugespitzt formuliert: Wer auf den Impuls des Arbeitgebers angewiesen ist, gibt ihm damit die Macht über die eigene Karriereentscheidung.
Das ist kein Argument gegen Förderung. Es ist ein Argument dafür, sie systematisch zu betreiben statt nach Bauchgefühl. Zwei Fragen lohnen sich dafür:
Wen sprechen Sie an? Wenn Sie in Ihrer Einrichtung durchgehen, wer in den letzten Jahren gefördert wurde, zeigt sich ein Muster? Häufig fällt der Blick zuerst auf die Sichtbaren, die Engagierten, die ohnehin schon in pädagogischen Rollen sind. Hauswirtschaft, Betreuungskräfte, Verwaltung und Teilzeitbeschäftigte geraten seltener in den Blick, obwohl sie die Einrichtung und die Adressat*innen genauso kennen.
Was bieten Sie an? Ein Impuls trägt nur, wenn er belastbar ist. Klären Sie vorab, was Sie zusagen können: Freistellung für Unterrichtstage, verlässliche Dienstplangestaltung, finanzielle Beteiligung, Praxisanleitung, und ob nach dem ersten Abschluss ein Anschluss möglich ist. Zögern gehört bei den Angesprochenen fast immer dazu; entschieden wird meist dann, wenn Rückhalt spürbar ist.
Was Sie davon haben
Die Fachkräfte, die Sie suchen, arbeiten häufig bereits bei Ihnen, auch außerhalb der pädagogischen Stellen. Wer Qualifizierung ermöglicht und die Übergänge zwischen den Abschlüssen aktiv organisiert, gewinnt doppelt: eine zusätzliche Fachkraft und eine Person, die die Einrichtung, das Team und die Adressat*innen bereits kennt. Anders als bei einer externen Einstellung entfällt die Einarbeitung, und die Bindung ist in der Regel höher. Der Einstieg dafür ist unspektakulär. Oft genügt eine Frage im richtigen Moment, und die Bereitschaft, den Weg danach offenzuhalten.
Zum Nachlesen
- Quereinsteiger*innen einstellen: So planen Sie nicht an der eigenen Entlastung vorbei
- Quereinstieg als Chance – was muss Ihre Personalentwicklung dafür leisten?
- Wie kann ich meinen Quereinstieg finanzieren?
- Ausbildung zum/zur Sozialpädagogischen Assistent*in: Wie gelingt der Einstieg?
- Mit welchen Maßnahmen gelingt Vereinbarkeit?
Rechtliche Grundlagen
Für diesen Artikel liegen keine unmittelbar einschlägigen Rechtsnormen vor, da er auf eigenen Interviewbefunden zur Personalgewinnungspraxis beruht.

