Die fünf Anforderungen
Aus der Professionalisierungsforschung und aus den Befunden zu Überforderung und fachlichen Lücken lassen sich fünf Anforderungen ableiten, die Anleitung von Quereinsteigenden zusätzlich zur üblichen Einarbeitung erfüllen muss.
Erfahrung erschließen statt entwerten
Quereinsteigende handeln oft sicher, bevor sie fachlich begründen können. Diese Sicherheit ist eine Ressource, aber sie ist nicht dasselbe wie Fachlichkeit. Für Anleitende entsteht daraus eine heikle Aufgabe: Sie müssen etwas hinterfragen, das erkennbar funktioniert, und das die angeleitete Person unter Umständen verteidigt, statt es zu öffnen, weil sie sich in ihrer Rolle beweisen muss. Deshalb kommt es auf die Fragerichtung an. Die Kernfrage der Anleitung lautet nicht: Wie macht man das hier? Sondern: Warum handeln Sie so, welche Alternativen gäbe es, und was sagt die Fachdiskussion dazu? Diese Fragen entwerten die Erfahrung nicht, sie machen sie begründbar, und damit für andere nachvollziehbar und überprüfbar.
Die gemeinsame Sprache herstellen
Verständigen Sie sich ausdrücklich darüber, wie in Ihrer Einrichtung gearbeitet wird: welches Verständnis von Beteiligung, von Kinderschutz, von Elternarbeit, von Nähe und Distanz gilt. Was für langjährige Fachkräfte selbstverständlich ist, ist für Quereinsteigende nicht erschließbar, solange es niemand ausspricht.
Widersprüche aushalten und bearbeiten
Wenn Quereinsteigende erleben, dass ihre bisherigen Deutungen nicht mehr tragen, ist das kein Störfall, sondern der Lernprozess selbst, den Schweppe als Kultivierung von Krisen beschreibt. Anleitung darf sich deshalb nicht darauf beschränken, diese Momente auszuhalten. Sie muss sie aktiv bearbeiten: den Widerspruch benennen, nach möglichen Deutungen fragen, ihn mit fachlichem Wissen in Beziehung setzen. Bleibt diese Bearbeitung aus, verschwindet der Widerspruch nicht, er wiederholt sich, oder er mündet in eine der Rückzugsstrategien, die Überforderung riskant macht.
Das gelingt nur, wenn Anleitung einen Raum bietet, in dem Unsicherheit geäußert werden darf, ohne dass daraus eine dienstliche Bewertung folgt. Wo Anleitung und Vorgesetztenfunktion in einer Person zusammenfallen, sollten Sie das offenlegen und die Gesprächsformate klar voneinander trennen.
Grenzen ausdrücklich thematisieren
Die Frage, wie viel Verantwortung eine Fachkraft übernehmen kann und wo ihre Zuständigkeit endet, ist ein professionelles Thema und kein persönliches. Sie gehört in die Anleitung, bevor sich jemand daran aufreibt.
Progression sicherstellen
Anforderungen müssen über die Qualifizierungszeit hinweg steigen: von Beobachten und Beschreiben über eigenständiges Planen und Begründen bis zur eigenverantwortlichen Gestaltung. Ein Ausbildungs- oder Einarbeitungsplan, der am Ende dieselben Formulierungen enthält wie am Anfang, beschreibt keine Entwicklung. Eine vergleichbare Stufenlogik liegt auch formalisierten Ausbildungsplänen nach § 14 SozHeilKindVO zugrunde und lässt sich sinngemäß auf die Anleitung von Quereinsteigenden übertragen.
Zum Nachlesen
Rechtliche Grundlagen
- Sozialgesetzbuch Achtes Buch (SGB VIII), § 72 (Mitarbeiter, Fortbildung). → Rechte, Ordnungen, Erlasse
- Verordnung über die staatliche Anerkennung von Berufsqualifikationen auf dem Gebiet der Sozialen Arbeit, der Heilpädagogik und der Bildung und Erziehung in der Kindheit (SozHeilKindVO), § 14 (Praxisanleitung im berufsbegleitenden Studium). → Rechte, Ordnungen, Erlasse
Verwendete Quellen
- Spiegel, Hiltrud von (2018): Methodisches Handeln in der Sozialen Arbeit. Grundlagen und Arbeitshilfen für die Praxis. 6. Auflage. München / Basel: Ernst Reinhardt.
- Weck, Niels (2025): Quereinsteiger*innen in der Sozialen Arbeit. Weinheim / Basel: Beltz Juventa.

