Das Anleitungsgespräch: Struktur, die trägt

Ein gutes Anleitungsgespräch entsteht nicht spontan. Wie sich Gespräche mit Auszubildenden, Studierenden oder Quereinsteigenden so aufbauen lassen, dass sie Orientierung geben statt nur Zeit zu füllen.

Warum Struktur keine Förmelei ist

„Das machen wir nebenbei" oder „Wir führen die Anleitungsgespräche nach Bedarf". Vielleicht auch ein „Das brauchst du doch nicht (mehr)." Gängige Praxis. Sobald es aber um Unsicherheit, um Kritik oder um eine wirkliche fachliche Weiterentwicklung geht, zeigt sich, dass eine bereits etablierte Anleitungs- und Gesprächskultur einen sicheren Rahmen geben kann und eine Strukturierung der Themen und des Treffens Sicherheit auf beiden Seiten und sogar den Spaßfaktor erhöhen kann.

Die Modelle, auf die sich dieser Artikel stützt, aus Sachsen, Niedersachsen und der katho Aachen, sind für zwei genau umrissene Gruppen entstanden: für Studierende im Rahmen der Staatlichen Anerkennung und für Auszubildende zur Sozialpädagogischen Assistenz oder zur Erzieherin beziehungsweise zum Erzieher. Für beide Wege gibt es Rechtsgrundlagen, geprüfte Curricula und ein Anerkennungsverfahren, das die Qualität der Anleitung absichert. Für Quereinsteigende, die ohne einen solchen institutionalisierten Weiterqualifizierungsprozess beschäftigt werden, etwa über einen Einzelantrag Nichtfachkraft, existiert in keinem der hier recherchierten Bundesländer ein eigenes Curriculum. Die folgenden Empfehlungen sind deshalb bewusst aus den beiden anderen Kontexten übertragen: nicht, weil sie dort unverändert passen, sondern weil es für diesen dritten Weg schlicht nichts Eigenes gibt. Wer Quereinsteigende anleitet, trägt diese Lücke mit, und genau deshalb lohnt sich eine bewusste Übertragung mehr als der Verzicht auf jede Struktur.

Dass gute Gesprächsführung eine eigene, erlernbare Fähigkeit ist, zeigt sich daran, wie ernst manche Ausbildungsstätten sie nehmen. Die Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen bietet am Standort Aachen für Praxisanleitende einen jährlichen Grundkurs und einen Aufbaukurs an. Während der Grundkurs die Grundlagen der berufspraktischen Phasen vermittelt, ist das Führen von Anleitungsgesprächen sowie der Umgang mit konflikthaften Situationen dem eigenen Aufbaukurs vorbehalten: als Fähigkeit, die über die Grundlagen hinausgeht und eigens trainiert werden muss (vgl. Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen 2025). Auch institutionell wird das Gespräch als eigenständige Qualifikation behandelt. In Bremen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Sachsen ist die Teilnahme an einer Fortbildung für Praxisanleitende verpflichtend; Bremen verlangt für die Anleitung im Anerkennungsjahr einen eigenen Nachweis, umgangssprachlich den „Anleiter:innen-Schein", bevor eine Einrichtung überhaupt als Praxisstelle anerkannt wird (vgl. Barbarino/Nachtigall 2023: 6 f.; Der Senator für Kinder und Bildung, Freie Hansestadt Bremen o. J.). Anleitung ist damit kein informelles Nebenbei, sondern eine Aufgabe, die Vorbereitung verlangt, und das Gespräch ist ihr Kernstück.

Vier Phasen, vier Gesprächsanlässe

Eine Ausbildung oder Einarbeitung lässt sich in vier Phasen gliedern, die ineinander übergehen: eine Orientierungs- und Einarbeitungsphase, eine Erprobungs- und Vertiefungsphase, eine Verselbständigungsphase und eine Abschlussphase. Jede Phase sollte mit einem eigenen Reflexions- und Bilanzierungsgespräch enden (vgl. Hartung 2024).

Zu Beginn der Orientierungsphase lohnt sich ein schriftlicher Kontrakt: Wer leitet an, in welchem Rhythmus finden Gespräche statt, wie unterscheiden sie sich von Dienst- oder Beurteilungsgesprächen? Diese Klärung am Anfang erspart Missverständnisse später und ist der richtige Ausgangspunkt für die Etablierung einer guten Kultur. Gerade weil sich die Anforderungen von Phase zu Phase ändern: Was in der Orientierungsphase noch Anleitung ist, wird in der Verselbständigungsphase zunehmend zu Beratung (vgl. ebd.).

Die Grundstruktur eines einzelnen Gesprächs

Unabhängig von der Phase lässt sich jedes einzelne Anleitungsgespräch an drei wiederkehrenden Fragen ausrichten. Die angeleitete Person soll aus dem Gespräch mitnehmen:

  • was bereits gut läuft und auf diesem Niveau zu halten ist,
  • welche Bereiche noch auszubauen oder zu entwickeln sind, und
  • was unbedingt zu verändern ist (vgl. Hartung 2024).

Diese Dreiteilung funktioniert nur, wenn das Gespräch selbst von Wertschätzung, gegenseitigem Vertrauen, Akzeptanz und Ehrlichkeit getragen ist. Besonders in emotional belastenden Situationen kommt es darauf an, dass die anleitende Person zuhören kann, Geduld aufbringt und als Vertrauensperson zur Verfügung steht (vgl. ebd.).

Ein Ablauf, der sich in der Praxis bewährt

Für das einzelne Gespräch hat sich eine fünfteilige Abfolge bewährt:

1

Rückblick

Was hat sich seit dem letzten Gespräch ereignet? Woran wollte die angeleitete Person arbeiten?

2

Standortbestimmung

Die drei Leitfragen: was läuft gut, was ist auszubauen, was ist zu verändern.

3

Vertiefung an einer konkreten Situation

Eine tatsächliche Situation aus dem Alltag auswählen und fragen: Warum haben Sie so gehandelt? Welche Alternativen gäbe es? Was sagt die Fachdiskussion dazu?

4

Ausblick

Welcher nächste Lernschritt ergibt sich daraus? Muss der Ausbildungs- oder Einarbeitungsplan angepasst werden?

5

Abschluss

Kurze Zusammenfassung, nächster Termin.

Der Sonderfall Quereinstieg: das Wir und das Ich trennen

Bei Quereinsteigenden hat der dritte Schritt (die Vertiefung an einer konkreten Situation) ein eigenes Gewicht. Prof. Dr. Alexandra Engel beschreibt in Interviews zum niedersächsischen Schwerpunktbericht Fachkräftegewinnung und -bindung ein wiederkehrendes Muster: „Was schwierig ist für die Personen, die quer einsteigen, ist zu sortieren zwischen dem Wir und dem Ich. Also wir machen das so und so, ist in der Regel eine unhinterfragte und nicht aus eigener Reflexion entstandene Arbeitsroutine. Und die eigenständige Urteilsfähigkeit und Begründung ist dann oft schwierig" (Engel, zit. n. Dröschel/Opitz 2026: 77).

Für das Anleitungsgespräch heißt das: Wenn eine quereinsteigende Person eine Situation mit „das machen wir hier immer so" beantwortet, ist das kein Abschluss der Frage, sondern ihr eigentlicher Ausgangspunkt. Fragen Sie weiter: Warum wird das so gemacht? Was würden Sie selbst für richtig halten, wenn Sie es neu entscheiden müssten? So wird aus einer übernommenen Routine eine eigene, begründbare fachliche Position. Vertiefende Fragetechniken für genau diesen Schritt behandelt der Artikel „Systemische Fragen für jede Phase der Anleitung".

Dass Gespräch und formale Qualifizierung dabei zusammengehören und sich nicht gegenseitig ersetzen, bringt Engel im selben Interview auf den Punkt: „Keine formelle Qualifikation kann alleine irgendwas regeln und auch keine Praxisanleitung kann alleine irgendwas regeln, sondern es braucht beides […] zusammen und wenn möglich auch im Dialog" (Engel, zit. n. Dröschel/Opitz 2026: 81).

Wenn es schwierig wird

Nicht jedes Gespräch verläuft konstruktiv. Auch dafür lohnt sich Vorbereitung: Wer mit Konflikten rechnet, sollte vorab klären, wie Kritik so formuliert werden kann, dass sie als fachlicher Hinweis ankommt und nicht als persönliche Abwertung. Eine stete Reflexion der eigenen Gesprächsführung und Grundkenntnisse der Konfliktlösung gehören deshalb ebenso zur Anleitungsaufgabe wie die inhaltliche Vorbereitung des Gesprächs selbst (vgl. Hartung 2024).

Zum Nachlesen

Rechtliche Grundlagen

Dieser Artikel stützt sich in erster Linie auf fachliche Empfehlungen und Fortbildungspraxis, nicht auf bundesweit einheitliche Rechtsnormen. Verpflichtende Regelungen zur Anleitungsfortbildung bestehen länderspezifisch, unter anderem in Bremen (Ordnung zur staatlichen Anerkennung von Erzieherinnen und Erziehern und Heilerziehungspflegerinnen und Heilerziehungspflegern im Lande Bremen). → Rechte, Ordnungen, Erlasse

Verwendete Quellen

  • Barbarino, Bärbel / Nachtigall, Clarissa (2023): Praxisanleitung in Kindertageseinrichtungen. Qualifikation, zeitliche und finanzielle Ressourcen – eine bundesweite Dokumentenanalyse. WiFF Arbeitspapiere, Nr. 12. München: Deutsches Jugendinstitut e. V.
  • Der Senator für Kinder und Bildung, Freie Hansestadt Bremen (o. J.): Fortbildung für Anleitende von Fachkräften im Anerkennungsjahr. service.bremen.de (Zugriff: 31.07.2026).
  • Dröschel, Marie-Theres / Opitz, Stefan (2026): Landesjugendhilfeplanung Niedersachsen. Schwerpunktbericht Fachkräftegewinnung und -bindung im Spannungsfeld von Qualitätsanforderungen im Bereich der Hilfen zur Erziehung. Münster: GEBIT Münster GmbH & Co. KG.
  • Hartung, Melanie (2024): Praxisanleitung von Erzieher*innen und Heilerziehungspfleger*innen. Fachbeitrag. Osnabrück: nifbe e. V. (Zugriff: 31.07.2026).
  • Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen (2025): Grundkurs „Qualifizierung zur Praxisanleitung" erfolgreich abgeschlossen. Meldung, Standort Aachen, 08.07.2025.
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