Systemische Fragen für jede Phase der Anleitung

Für Träger und Anleitende: Wie sich mit systemischen Fragetechniken aus jeder Ausbildungsphase ein Gespräch machen lässt, das wirklich weiterführt: vertieft nach Herwig-Lempp und Kindl-Beilfuß.

Der Artikel „Das Anleitungsgespräch: Struktur, die trägt" hat einen Fünf-Schritte-Ablauf für das einzelne Anleitungsgespräch vorgeschlagen. Der dritte Schritt, die Vertiefung an einer konkreten Situation, ist dabei der anspruchsvollste: Hier entscheidet sich, ob aus einer Erzählung eine begründbare fachliche Position wird. Systemische Fragetechniken sind für genau diesen Schritt entwickelt worden. Dieser Artikel vertieft ihn, phasenspezifisch und mit konkreten Formulierungen.

Die Form der Frage entscheidet mit

Johannes Herwig-Lempp unterscheidet grundlegend zwischen schließenden und öffnenden Fragen. Schließende Fragen, Ja/Nein-Fragen, Alternativfragen, Fragen nach Daten, engen den Antwortraum ein und eignen sich, wenn harte Informationen benötigt werden. Öffnende Fragen laden dagegen zu eigenen Formulierungen und Beschreibungen ein und sind dort angebracht, wo es um Sichtweisen und Ideen des Gegenübers geht (vgl. Herwig-Lempp 2001: 38 ff.).

Besonders aufschlussreich ist seine Unterscheidung zwischen „Warum" und „Wozu". Fragen, die mit „Warum" beginnen, richten sich in die Vergangenheit und suchen nach Begründungen, sie können, so Herwig-Lempp, „schnell als eine Aufforderung zur Rechtfertigung verstanden werden" und bei zu häufigem Gebrauch als bedrängend empfunden werden. Die Alternative „Wozu" oder „Mit welcher Absicht" richtet den Blick stattdessen nach vorn, auf die Absicht hinter einer Handlung (vgl. Herwig-Lempp 2001: 41 f.). Für das Anleitungsgespräch heißt das: Statt „Warum haben Sie so gehandelt?" führt „Wozu haben Sie sich für dieses Vorgehen entschieden?" eher zu einer Reflexion als zu einer Verteidigung.

Herwig-Lempp macht zudem auf die Macht des Fragenden aufmerksam: Wer fragt, lenkt, unabhängig vom Inhalt. Ein Teil dieser Macht lässt sich zurückgeben, indem die Frage als Einladung statt als Forderung formuliert wird, indem erläutert wird, wozu sie gestellt wird, und indem ausdrücklich die Erlaubnis erteilt wird, sie nicht zu beantworten (vgl. Herwig-Lempp 2001: 36 f.). Gerade bei Quereinsteigenden, die sich ohnehin beweisen müssen, ist diese Rückgabe von Kontrolle kein Nebenaspekt, sondern trägt direkt zur Gesprächsatmosphäre bei.

Fragen als Ressource, nicht als Verhör

Für die Praxis relevant sind vor allem vier Fragetypen: zirkuläre Fragen, die nach der vermuteten Sicht Dritter fragen; Skalierungsfragen, die Einschätzungen auf einer Zahlenlinie verorten; hypothetische Fragen, die ein verändertes Szenario durchspielen lassen; und Ausnahmefragen, die nach Momenten suchen, in denen ein Problem bereits nicht bestand (vgl. Kindl-Beilfuß 2021).

Fragen für jede Phase

Orientierungsphase

Ziel: erste Sicherheit aufbauen, ohne vorschnell in Routinen zu drängen.

  • Ressourcenfrage: „Was von dem, was Sie aus Ihrem bisherigen Beruf mitbringen, hilft Ihnen hier schon jetzt?"
  • Skalierungsfrage: „Auf einer Skala von 0 bis 10, wie sicher fühlen Sie sich gerade in einer typischen Übergabesituation?"
  • Zirkuläre Frage: „Was, glauben Sie, denkt das Team gerade über Ihren Einstieg?"

Erprobungs- und Vertiefungsphase

Ziel: die Unterscheidung zwischen übernommener Routine und eigener fachlicher Position bearbeiten.

  • Zirkuläre Frage: „Wenn eine erfahrene Kollegin diese Situation gesehen hätte, was hätte sie vermutlich anders gemacht als Sie, und was genauso?"
  • Differenzierungsfrage: „Sie sagen, das machen wir hier immer so, wann war es denn einmal anders?" (vgl. Herwig-Lempp 2001: 45 f., zur Auflösung von „immer" und „nie")
  • Wozu-Frage statt Warum-Frage: „Wozu haben Sie sich in dieser Situation genau für dieses Vorgehen entschieden?"

Verselbständigungsphase

Ziel: den Übergang von Anleitung zu Beratung einleiten.

  • Hypothetische Frage: „Wenn ich morgen nicht da wäre, was würden Sie tun?"
  • Zukunftsfrage: „Woran werden Sie in drei Monaten merken, dass Sie das eigenständig beherrschen?"
  • Zirkuläre Frage: „Was würde ein Kollege sagen, wenn ich ihn fragen würde, was Sie inzwischen anders machen?"

Abschlussphase

Ziel: Bilanz ziehen und die Tragfähigkeit über die Anleitung hinaus sichern.

  • Ressourcenfrage: „Was nehmen Sie aus dieser Zeit mit, das Sie vorher nicht hatten?"
  • Ausnahmefrage, rückblickend: „Was war die Situation, in der Sie sich zum ersten Mal richtig sicher gefühlt haben?"
  • Zukunftsfrage: „Was brauchen Sie, damit das, was Sie gelernt haben, auch ohne regelmäßige Gespräche trägt?"

Wenn keine Antwort kommt

Bleibt eine Frage unbeantwortet oder kommt eine Antwort, die nicht zur Frage passt, muss das nicht an der angeleiteten Person liegen. Herwig-Lempp empfiehlt, zunächst die eigene Formulierung infrage zu stellen: Vielleicht war die Frage missverständlich, vielleicht wurde nicht deutlich, wozu sie gestellt wurde. In solchen Fällen hilft es, die Frage in anderen Worten zu wiederholen und ausdrücklich zu erlauben, sie auch abzulehnen (vgl. Herwig-Lempp 2001: 50 f.). Diese Haltung, neugierig bleiben, nicht insistieren, passt zu dem, was schon der Grundlagenartikel als Voraussetzung benannt hat: Wertschätzung, Vertrauen, Akzeptanz und Ehrlichkeit.

Zum Nachlesen

Rechtliche Grundlagen

Für diesen Artikel liegen keine unmittelbar einschlägigen Rechtsnormen vor, da er sich auf systemische Gesprächstechniken bezieht, nicht auf deren rechtliche Regelung.

Verwendete Quellen

  • Herwig-Lempp, Johannes (2001): Die Form der guten Frage. In: Kontext, 32. Jg., H. 1, S. 33–55.
  • Kindl-Beilfuß, Carmen (2021): Fragen können wie Küsse schmecken. Systemische Fragetechniken für Anfänger und Fortgeschrittene. 10. Auflage. Heidelberg: Carl-Auer.
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