Vereinbarkeit entsteht nicht einfach, sie wird hergestellt. Die folgenden Fragen helfen Ihnen einzuschätzen, welche der acht Strategien nach Schirmer (2017) für Sie realistisch nutzbar sind und was Sie oder Ihr Umfeld dafür bräuchten. Es gibt keine richtigen oder falschen Antworten. Nehmen Sie sich Zeit.
1. Ökonomisierung der eigenen Zeitgestaltung
Wie bewusst plane ich meine Zeit, und wer oder was bestimmt darüber mit?
- Wie plane ich meine Zeit aktuell? Habe ich feste Strukturen, oder reagiere ich eher auf das, was gerade anfällt?
- Welche Zeitanteile in meiner Woche sind wirklich frei disponibel, und welche nur scheinbar?
- Wer oder was bestimmt in meinem Alltag am stärksten darüber, wie meine Zeit verteilt wird?
- Welche Auswirkungen hätte eine konsequente Wochenplanung auf mein Umfeld: Partner*in, Kinder, Kolleg*innen?
- Wie reagiere ich, wenn geplante Lernzeiten durch äußere Anforderungen wegbrechen, und wie könnte ich das abfedern?
- Wie viel Planungsaufwand kann und will ich dauerhaft betreiben, ohne dass er selbst zur Belastung wird?
2. Bewusster Verzicht
Auf was könnte ich vorübergehend verzichten, und wer ist davon betroffen?
- Auf was verzichte ich bereits jetzt regelmäßig, und was davon fehlt mir wirklich?
- Welche Aktivitäten oder Verpflichtungen haben aktuell eine niedrige Priorität und könnten vorübergehend zurückgestellt werden?
- Wer ist von meinem Verzicht betroffen, und habe ich diese Personen in die Entscheidung einbezogen?
- Wo liegt meine persönliche Grenze: Auf welche Bereiche bin ich nicht bereit zu verzichten, weil sie für mich unverzichtbar sind?
- Wie lange kann ich bewussten Verzicht aufrechterhalten, ohne dass er zur Erschöpfung führt?
- Was bräuchte ich, damit Verzicht nicht als Verlust erlebt wird, sondern als vorübergehende Neuausrichtung?
3. Klare zeitliche Trennung der Bereiche
Kann ich Lernen, Arbeit und Privatleben zeitlich voneinander trennen, und was braucht das?
- Gelingt es mir aktuell, Arbeit, Privatleben und Freizeit zeitlich voneinander zu trennen, oder verschmelzen diese Bereiche?
- Welche Rahmenbedingungen bräuchte ich, um feste Lernzeiten oder -tage einzurichten, und wer müsste das mittragen?
- Wie reagiert mein Umfeld, wenn ich Lernzeiten als nicht verhandelbar behandle?
- Gibt es räumliche Möglichkeiten, Lernen von anderen Lebensbereichen zu trennen: einen eigenen Arbeitsplatz, eine Bibliothek, einen ruhigen Ort?
- Was passiert in meinem Umfeld, wenn ich an einem Lerntag nicht erreichbar bin: für Familie, Arbeitgeber, soziales Umfeld?
- Wie könnte ich klare Grenzen zwischen den Bereichen kommunizieren, ohne dass andere sich zurückgesetzt fühlen?
4. Positives Nutzen beruflicher Flexibilität
Welche Spielräume bietet mein Beruf, und wie könnte ich sie gezielt nutzen?
- Wie viel Flexibilität bietet mein aktueller Beruf in der Zeit- und Aufgabeneinteilung, formal und informell?
- Gibt es Aufgaben, die ich in ruhigeren Phasen bündeln und in intensiven Lernphasen reduzieren könnte?
- Wie steht mein Arbeitgeber zu berufsbegleitender Weiterbildung, und gibt es bereits Erfahrungen damit?
- Was müsste ich mit meinem Arbeitgeber besprechen, um berufliche Flexibilität gezielt für das Lernen zu nutzen?
- Welche Auswirkungen hätte eine veränderte Arbeitszeitgestaltung auf meine Kolleg*innen, und wie könnte ich das auffangen?
- Gibt es Phasen im Jahresverlauf, in denen die Arbeitsbelastung geringer ist und die sich besonders gut für intensives Lernen eignen würden?
5. Zusicherung sozialer Unterstützung
Wer kann mich unterstützen, und unter welchen Bedingungen?
- Wer in meinem direkten Umfeld weiß von meinem Vorhaben, und wie haben diese Personen reagiert?
- Was bedeutet Unterstützung in meiner Situation konkret: Zeit, Geld, emotionale Rückendeckung, praktische Hilfe?
- Unter welchen Bedingungen würde mein Arbeitgeber mein Vorhaben unterstützen, und was müsste ich dafür kommunizieren?
- Gibt es Menschen in meinem Umfeld, die mein Vorhaben skeptisch sehen, und wie gehe ich damit um?
- Was bräuchten die Menschen, die mich unterstützen, damit sie das dauerhaft und ohne Groll tun können?
- Welche Unterstützung kann ich realistischerweise einfordern, und wo überschreite ich die Grenzen dessen, was andere leisten können?
6. Zeitliche Absprachen
Welche konkreten Absprachen brauche ich, mit wem und wie verbindlich?
- Welche Absprachen bräuchte ich mit meiner Familie, damit Lernzeiten verlässlich eingehalten werden können?
- Welche Absprachen bräuchte ich mit meinem Arbeitgeber, etwa über Freistellungen, Urlaubsregelungen oder flexible Stunden?
- Wie kommuniziere ich Absprachen so, dass sie als verbindlich wahrgenommen werden, ohne dass sie als Forderung ankommen?
- Gibt es in meinem Umfeld Menschen, mit denen Absprachen erfahrungsgemäß schwierig einzuhalten sind, und wie gehe ich damit um?
- Wie gehe ich vor, wenn eine wichtige Absprache kurzfristig nicht eingehalten werden kann?
- Welche Werkzeuge, etwa gemeinsame Kalender, feste Gesprächszeiten oder schriftliche Vereinbarungen, könnten Absprachen stabiler machen?
7. Delegation von Aufgaben
Was kann ich abgeben, und was hindert mich daran?
- Welche Aufgaben in meinem Berufsalltag könnten vorübergehend von anderen übernommen werden, und wer käme dafür in Frage?
- Welche Aufgaben im Haushalt oder in der Betreuung könnten delegiert oder anders organisiert werden?
- Was hindert mich daran, Aufgaben abzugeben: fehlende Personen, Perfektionismus, Schuldgefühle, strukturelle Hindernisse?
- Welche Ressourcen, etwa Zeit, Geld oder Vertrauen, brauche ich, um Delegation zu ermöglichen?
- Wie reagiert mein Umfeld, wenn ich Aufgaben abgebe, und was braucht es, damit das reibungslos funktioniert?
- Gibt es Aufgaben, die ich delegieren könnte, wenn ich bereit wäre, den Standard oder die Kontrolle loszulassen?
8. Geben und Nehmen
Wie bleibt die Balance in meinen wichtigsten Beziehungen erhalten?
- Wer in meinem Umfeld steckt am meisten zurück, damit ich diesen Bildungsweg gehen kann, und ist sich diese Person dessen bewusst?
- Wie stelle ich sicher, dass die Balance in meinen wichtigsten Beziehungen erhalten bleibt, auch über einen längeren Zeitraum?
- Was gebe ich zurück, und zwar konkret, nicht nur als Versprechen für die Zukunft?
- Wie erkenne ich, wenn jemand in meinem Umfeld an seine Grenzen gerät, und was tue ich dann?
- Welche Bereiche meines Lebens will ich auch während des Bildungswegs bewusst schützen, und zwar für mich selbst und für die Menschen, die mir wichtig sind?
- Wie würde ich reagieren, wenn eine wichtige Unterstützungsperson sagt, dass sie nicht mehr kann, und was würde das für meinen Bildungsweg bedeuten?
Was nehmen Sie mit?
Schauen Sie auf Ihre Antworten. Bei welchen Strategien sehen Sie echten Spielraum, und wo fehlen Ihnen die Voraussetzungen dafür? Was bräuchten Sie, damit mehr Strategien nutzbar werden?
Vielleicht fehlt eine konkrete Struktur, ein Gespräch mit dem Arbeitgeber oder eine Beratung über Fördermöglichkeiten. Vielleicht ist der Zeitpunkt noch nicht der richtige, oder es braucht nur eine kleine Veränderung, um den Weg gangbar zu machen.
Bedarfe, die nicht geäußert werden, werden nicht gesehen. Wenn Sie nach flexibleren Präsenzzeiten fragen, nach Betreuungskooperationen oder anderen Fördermodellen, dann informieren Sie nicht nur sich, sondern auch die, die Angebote gestalten. Nachfrage verändert Angebot.
Zum Nachlesen
Verwendete Quellen
- Schirmer, Kerstin (2017): Work-Learn-Life-Balance. Temporale Vereinbarkeitsstrategien von berufsbegleitenden Studierenden in der wissenschaftlichen Weiterbildung. In: Seitter, Wolfgang (Hrsg.): Zeit in der wissenschaftlichen Weiterbildung. Wiesbaden: Springer VS, S. 21–46.

