Ob eine Ausbildung, eine Weiterbildung oder ein Studium zu Ihrer Lebenssituation passt, lässt sich nicht pauschal beantworten. Vereinbarkeit ist kein festes Merkmal eines Bildungsangebotes, sondern das Ergebnis einer persönlichen Abwägung auf Basis Ihres aktuellen Status quo.
Dieser Status quo ist keine feste Größe. Er verändert sich kontinuierlich, manchmal planbar, manchmal nicht. Besonders in Familien mit kleinen Kindern wandeln sich Betreuungsbedarfe, Betreuungsformen und familiäre Verpflichtungen stetig: Ein Kind, das heute in der Kita betreut wird, kommt in zwei Jahren in die Schule: mit anderen Betreuungszeiten, anderen Ferienregelungen, anderen Anforderungen. Eine Pflegesituation, die heute stabil ist, kann sich verändern. Ein Arbeitsverhältnis ebenso.
Was heute nicht passt, kann in einem Jahr passen und umgekehrt. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: Ist dieses Bildungsangebot vereinbar? Sondern: Ist es vereinbar für mich, jetzt, und realistischerweise für die gesamte Dauer, die es braucht?
1. Zeit und Geld: die zwei Grundressourcen
Im Kern geht es bei Vereinbarkeit um zwei Ressourcen: Zeit und Geld. Beide sind teilweise gegeneinander austauschbar: Wer über mehr Geld verfügt, kann sich Zeit kaufen, zum Beispiel durch bezahlte Kinderbetreuung oder einen Pflegedienst. Wer über mehr Zeit verfügt, kann Geld sparen, etwa indem er Betreuung selbst übernimmt oder einen längeren, aber kostengünstigeren Qualifizierungsweg wählt. Betreuung ist in diesem Sinne kein eigener Faktor, sondern ein Hebel zur Erweiterung der Zeitressource, ähnlich wie Förderung ein Hebel zur Erweiterung der Geldressource ist.
Die Frage ist also nicht nur: Habe ich genug von beidem? Sondern: Wovon habe ich gerade mehr, und was verlangt der Bildungsweg, den ich anstrebe, von welcher Ressource?
2. Wo stehe ich? Eine Bestandsaufnahme
Bevor Sie entscheiden, welcher Weg zu Ihnen passt, lohnt sich eine ehrliche Bestandsaufnahme. Die Bildungsforscherin Kerstin Schirmer hat in ihrer Studie zu berufsbegleitend Studierenden gezeigt, dass erfolgreiche Vereinbarkeit in erster Linie von den Strategien abhängt, die eine Person selbst anwendet, und erst in zweiter Linie vom Unterstützungsnetzwerk um sie herum. Beide Ebenen setzen jedoch voraus, dass die eigene Ausgangssituation klar ist. Die folgenden Fragen helfen dabei.
Meine Zeitressource
- Wie viele Stunden pro Woche kann ich realistisch für Unterricht, Präsenzphasen, Selbststudium und Prüfungsvorbereitungen aufwenden?
- Zu welchen Tageszeiten bin ich verfügbar: tagsüber, abends, am Wochenende?
- Gibt es Präsenzpflichten, die ich nicht flexibel verschieben kann: und passen diese zu meinem Alltag?
- Ist meine Betreuungssituation für Kinder oder pflegebedürftige Angehörige stabil und verlässlich?
- Kann ich in meinem Beruf Arbeitszeiten flexibel gestalten oder meinen Stellenumfang vorübergehend reduzieren?
- Wie wird sich meine Situation in den nächsten zwei bis vier Jahren verändern – wird sie einfacher oder komplexer?
Meine Geldressource
- Muss ich während der Ausbildung, Weiterbildung oder des Studiums mein Einkommen vollständig aufrechterhalten?
- Welche meiner laufenden Kosten hängen direkt an meiner Einkommenshöhe und würden sich bei einer Reduzierung entsprechend verringern?
- Kann ich meinen Erwerbsumfang vorübergehend reduzieren? Wenn ja, um wie viel?
- Wie wirkt sich eine vorübergehende Reduzierung meiner Arbeitszeit auf meine Rentenansprüche aus – und kann ich das später ausgleichen?
- Welche Förderungen kommen für mich in Frage – BAföG, Aufstiegs-BAföG (AFBG), Schülerförderung, Stipendien, Trägerfinanzierung oder eine vergütete Ausbildung? Siehe „Wie kann ich meinen Quereinstieg finanzieren?"
- Entstehen zusätzliche Kosten (für Studiengebühren, Fahrtkosten, Lernmaterialien oder erweiterte Betreuung)?
- Habe ich finanzielle Rücklagen für unvorhergesehene Belastungen?
- Wie viele Erwerbsjahre liegen noch vor mir, und steht die zu erwartende Gehaltsentwicklung durch die Qualifizierung in einem guten Verhältnis zu ihren Kosten?
Eine Qualifizierung kann sich auch dann lohnen, wenn diese Rechnung nicht aufgeht – weil sie Sinn stiftet, Handlungsspielräume eröffnet oder den Verbleib im Beruf sichert. Aber Sie sollten die Rechnung gemacht haben, bevor Sie entscheiden.
Mein Unterstützungsnetzwerk
Schirmer zeigt, dass rund ein Viertel aller Vereinbarkeitsstrategien im Kontakt mit anderen Personen stattfindet. Das Umfeld ist kein netter Bonus, es ist ein struktureller Faktor. Dabei geht es nicht nur darum, ob Unterstützung vorhanden ist, sondern ob sie tragfähig und verlässlich ist.
- Wer in meinem Umfeld weiß von meinem Vorhaben und trägt es aktiv mit?
- Können mein*e Partner*in, meine Familie oder enge Freund*innen konkret einspringen: nicht im Idealfall, sondern wenn es eng wird?
- Unterstützt mein Arbeitgeber das Vorhaben durch flexible Arbeitszeiten, Fortbildungstage oder Freistellung?
- Gibt es an der Schule, Hochschule oder Bildungseinrichtung Betreuungsangebote für Kinder oder andere Formen von Unterstützung für Menschen mit Familien- oder Pflegeverantwortung?
3. Vom Wissen zum Handeln: Vereinbarkeit aktiv gestalten
Eine Bestandsaufnahme allein reicht nicht. Schirmer unterscheidet acht temporale Vereinbarkeitsstrategien, die berufsbegleitend Studierende tatsächlich anwenden – und die sich auch auf andere Bildungswege übertragen lassen.
Auf der persönlichen Ebene sind das: die Ökonomisierung der eigenen Zeitgestaltung (vorausschauend planen, Zeitblöcke einteilen), der bewusste Verzicht auf Freizeitaktivitäten oder Regenerationszeiten, die klare zeitliche Trennung der Lebensbereiche sowie das positive Nutzen beruflicher Flexibilität, wo diese vorhanden ist.
Im Kontakt mit anderen geht es um die Zusicherung sozialer Unterstützung durch Partner*in und Arbeitgeber, um konkrete zeitliche Absprachen, die Konflikte vermeiden, um die Delegation von Aufgaben zur Freisetzung von Zeit sowie um ein bewusstes Geben und Nehmen von Zeit im wechselseitigen Ausgleich.
Diese Strategien sind keine Garantie. Aber sie machen deutlich: Vereinbarkeit ist etwas, das aktiv hergestellt wird – nicht etwas, das einfach vorhanden ist oder nicht. Wie Sie diese acht Strategien konkret für sich durchgehen können, zeigt der Selbstcheck „Wie kann ich Vereinbarkeit aktiv gestalten?"
4. Was bedeutet das für die Wahl des Bildungsangebotes?
Wer zeitlich flexibel ist und auf Einkommen vorübergehend verzichten kann oder Förderung erhält, für den kann ein Vollzeitstudium oder eine Vollzeitausbildung der direktere Weg sein. Wer ein laufendes Arbeitsverhältnis hat oder erhalten muss, für den sind berufsbegleitende oder teilzeitige Modelle oft die realistischere Option, zumal manche davon eine Vergütung einschließen oder Förderung ermöglichen. Welche Formate es gibt, zeigt der Artikel „Mit welchen Maßnahmen gelingt Vereinbarkeit?"
Wichtig ist der Blick nach vorn: Vereinbarkeit muss nicht nur für den ersten Tag, sondern für die gesamte Dauer des Bildungswegs realistisch bleiben. Es lohnt sich, Szenarien durchzudenken: Was passiert, wenn sich etwas verändert? Welche Strategien habe ich dann?
Es gibt keine richtige oder falsche Entscheidung. Es gibt nur die Entscheidung, die zu Ihrer Situation passt – heute.
Zum Nachlesen
Verwendete Quellen
- Schirmer, Kerstin (2017): Work-Learn-Life-Balance. Temporale Vereinbarkeitsstrategien von berufsbegleitenden Studierenden in der wissenschaftlichen Weiterbildung. In: Seitter, Wolfgang (Hrsg.): Zeit in der wissenschaftlichen Weiterbildung. Wiesbaden: Springer VS, S. 21–46

